Texte

 

AllerHand, 2024

Begleittext

Dr. Sarah Schönewald, Dr. Gero Seelig

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Gesten gehören zu den ersten Eindrücken, die Betrachtende von Gemälden erhalten. Sie bleiben nicht unbedingt zuvorderst in der Erinnerung. Doch wie die Kunsttheorie seit der Antike diskutiert, teilt sich über Bewegungen des Körpers, über Gesten der emotionale Gehalt von Figuren und Interaktionen mit, eben der Eindruck. In manchen Fällen allerdings steht eine Geste ganz im Vordergrund, so etwa bei dem Singenden Zinkspieler von Gerard van Honthorst, der einstweilen noch in der Ausstellung „Glanzstücke im Dialog“ im Schweriner Schloss zu sehen ist und später ein Hauptwerk in der neuen Dauerausstellung des renovierten Staatlichen Museums sein wird. Während der Musikant sich zurücklehnt, streckt er beide Hände nach vorn, sodass sie durch das Fenster, an dem er steht, zu uns herauszuragen scheinen.

Tino Bittner hat in seinem jüngsten Projekt die Geste des Musikanten nicht nur aus dem Museum auf die Straßen Schwerins geholt und dort wahrhaft großgemacht. Er hat sie auch hervorgestellt, ohne sie aber aus dem Kontext des Bildes zu lösen. Einen Ausschnitt des Bildes hat er auf einer dreistöckigen Fassade abgebildet. Man sieht den Oberkörper des Musikanten mit den Händen. Doch alles außer den Händen ist – für zeitgenössische Sehgewohnheiten nicht ungewöhnlich – stark verpixelt. Die Hände dagegen behalten ihre illusionistische Darstellungsweise. Je mehr man herantritt, desto stärker löst sich der Grund in viele, jeweils einfarbige Bildquadrate auf, während der Illusionismus der Hände diese umso mehr hervorhebt.

Es entsteht eine merkwürdige Umkehrung der üblichen Wahrnehmungsfolge, wo die Gesten einem gewissermaßen den Weg ins Bild ebenen, indem sie den emotionalen Gehalt und damit häufig die Handlung erklären, bis man diese vollständig erkannt hat und die einzelne Geste oder Handbewegung sich nicht mehr ins Gedächtnis prägt. Hier führt der Weg ins Bild, auf das Bild zu oder jedenfalls der Weg zum Bild dazu, dass die Geste, die Handbewegung immer stärker hervortritt. Sie dient der Darstellung nicht mehr, sie ist die Darstellung, sie ist das Thema. Sie verhilft nicht zum Verständnis, sondern will selbst verstanden und gesehen werden.

Und tatsächlich, das ist vielleicht das Überraschendste, bleibt der emotionale Gehalt erhalten, die Stimmung, eine musische Sensibilität gepaart mit selbstsicherem Auftritt, ist an diesen im Straßenbild riesigen Händen sehr gut wahrnehmbar. Tino Bittners Arbeit stellt diese Erkenntnis heraus: dass die Geste das Bild „macht“. Überspitzt gesagt kann die Geste auf das Bild verzichten, nicht aber das Bild auf die Geste. Das ist doch allerhand!

Tino Bittner wählt mit der Wandmalerei eines der kulturgeschichtlich ältesten Verfahren, um sein Bild des Zinkspielers bzw. sein Bild von der Geste des Zinkspielers mit anderen zu teilen. Bereits während des Malens wurde das Werk unzählige Male digital geteilt und potentiell auch wieder bearbeitet. Nicht nur in der Stadt, sondern auch im Internet findet es Verbreitung. Als Bildausschnitt, der ein Vorbild aus der analogen Welt adaptiert, stellt Bittners Werk gewissermaßen ein Meme in der physischen sowie in der digitalen Welt dar.  Wie bei „klassischen“ Memes wird ein Widerspruch fokussiert. Honthorsts manuell gefertigtes Ölgemälde aus dem 17.Jahrhundert trifft auf digitale Technik.

In Bittners Werk ist ein Fingerzeig zu erblicken, der auf die Produktion des Werkes zwischen Pigment und Pixel verweist. Mit den Händen ist die Grundvoraussetzung der klassischen Malerei dargestellt, während die Quadrate im Hintergrund mit den Grundelementen maschinell erzeugter Bilder korrespondieren. Künstlerische Transformationsprozesse werden ins Bild gesetzt, insbesondere dieSchnittstelle zwischen analogen und digitalen Methoden. Auf diese Weise regt das Werk zur Reflexion über die Position der Malerei in der digitalen Welt an. Und umgekehrt lässt Bittners Werk über digitale Bilder nachdenken, denen oft nicht der Status eines autonomen Kunstwerkes zuerkannt wird.

Wie Gesten stellen auch Bilder Kommunikationsmittel dar. Ihre Omnipräsenz in der Gegenwart ist ein überaus wichtiger Aspekt für dieWahrnehmung von Tino Bittners Werk. In Verbindung mit den sozialen Medien rangiert heute das Smartphone im Bereich der Produktion, Bearbeitung und Verbreitung von Bildern an erster Stelle. Oftmals werden Bilder über das kleine Display des Smartphones betrachtet, wobei manches Detail erst beim Hineinzoomen erfasst werden kann. Obwohl in den Ausmaßen ungleich größer, lässt sich die Hauswand in ihrem besonderen Verhältnis von Höhe und Breite durchaus mit einem Smartphone vergleichen und wird damit zu einem überdimensionalen Display. Bittners Werk verweist unmittelbar darauf, wie die digitale Welt zunehmend die Ästhetik der analogen Welt prägt

Die Fassade entfaltet in warmen Farbtönen, die sich in strengen Quadraten abwechseln, eine Wirkung über den ganzen Schlachtermarkt hinweg. Sie zieht den Blick auf sich, gibt dem Platz einen neuen Bezugspunkt, gibt ihm (abgesehen vom Brunnen) überhaupt zum ersten Mal Gestalt. Im übertragenen Sinn ergreifen die Hände diesen bisher gesichtslosen Platz und gestalten ihn neu. Es ist ein Glücksfall, dass die Stadt sich auf dieses Projekt eingelassen hat und ein Glücksfall für das Museum, dass eines seiner Meisterwerke auf diese Weise aus dem Museum hervortritt und einen Auftritt in der Stadt erhält.

© Dr. Sarah Schönewald und Dr. Gero Seelig, Staatliches Museum Schwerin SSGK, 2024
Foto: © Ulrich Pfeuffer SSGK MV.

Faust, 2021

Katalogtext

Christina Katharina May

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Auf einem Glasquader ist eine nach oben gereckte, bandagierte Faust zu sehen. Die Siegerpose zeichnet sich nur in den schwarzen Linien auf dem Glas ab, das Innere des transparenten Quaders ist leer. Der Körper des Sportlers/ der Sportlerin ist eine Illusion, denn er wird nur durch die Zeichenlinie angedeutet.

Im Ausstellungsraum wirkt die Glasbox wie eine Vitrine, die normalerweise dazu dient, Kostbares für längere Zeit zu bewahren. Dieser wertvolle Moment der Triumphgeste ist jedoch flüchtig und kann nicht dauerhaft konserviert werden. Die nächste Herausforderung wartet schon. Auch die Agilität und Kraft des Körpers wird nicht von Dauer sein. Das Objekt der Faust auf Glas vereint das Flüchtige und gleichzeitig die als Medienbild so einprägsame Siegerpose.

Tino Bittner entwickelt die Glasarbeit eigens für die Ausstellung. Bittner arbeitet in seiner Kunst häufig mit Bewegungsstudien und kinematografischen Arrangements. Verschiedene Objekte werden illusionär in Bewegung gesetzt. Oftmals sind es Hände, die Gesten oder Fingerspiele vorführen. Die Hände werden auf transparente Bildträger wie Glasscheiben oder Folien gebracht, häufig nebeneinander oder hinter einander positioniert und wie inStop-Motion-Technik vorgeführt. Die Bewegung ist jedoch eingefroren, denn die Bilder werden nicht als Film abgespielt. Stattdessen sind die Scheiben als Objekte im Raum platziert. Die Animation übernehmen die BesucherInnen, wenn sie gedanklich das Motiv zu einem Körper zusammenbringen und diesen Körper in Bewegung versetzen.

© Christina Katharina May
Ausstellung "Alte und Neue Meister", Schleswig-Holstein-Haus, Schwerin, 2021

Die Magie der Hände, 2020

Katalogtext

Christina KatharinaMay

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Die Worte „Hokus Pokus“ spricht ein Zauberer niemals ohne die begleitenden Bewegungen seiner Hände. Nur scheinbar gehören aber gesprochen Sprache und Gesten zusammen. Geschickt leiten die Handbewegungen den Trick ein, lenken die Blicke des Publikums ab und lassen eine magische Illusion entstehen.

Tino Bittners Bild-Objekte aus den Reihen „Handspiel“ und „HokusPokus“ führen verschiedene Bewegungen der Hände vor. Jeweils ein Handpaar ist mit schwarzen Linien auf transparente Folie gezeichnet. Insgesamt sind fünf Folien hintereinander gelegt, die sich konvex aus einem schwarzen Bilderrahmen hervorwölben, so als würden sie einen ephemeren Körper formen. Die Einzelbilder, die kleine Veränderungen in der Stellung der Finger aufweisen, suggerieren in ihrer Reihung eine Bewegung. Die seriellen Bilder erinnern an Aufnahmen des Filmpioniers Eadweard Muybridge, der Einzelbewegungen von Tieren und Menschen fotografierte und aneinanderreihte, um realistische Bewegungsdarstellungen zu erforschen. Der analoge Kinofilm mit schnell hintereinander abgespielten fotografischen Einzelbildern nutzte anschließend die Trägheit des Auges dazu, den Anschein von zeitlicher Abfolge und damit von Bewegung und Lebendigkeit zu vermitteln. Doch anders als das schnelle Blättern eines Daumenkinos oder das Abspulen der Filmrolle, ist die Bewegung in Bittners Bild-Objekten eingefroren. Die Lackstiftzeichnungen auf dertransparenten PVC-Folie erscheinen nicht nacheinander, sondern sind gleichzeitig sichtbar wie bei einer Mehrfachbelichtung. Die vierte Dimension Zeit ist verräumlicht und der lineare Ablauf simultan sichtbar.

Diese Gleichzeitigkeit irritiert die Betrachtenden. Die Handbewegung als scheinbar Vertrautes wird bei näherem Hinsehen zunehmend komplizierter. In dieser Irritation steckt der Aufforderungscharakter von Bittners Arbeiten. Die Betrachtenden können sich auf das Spiel mit der visuellen Wahrnehmung einlassen und durch konzentriertes Sehen und Ausprobieren die Handhaltungen gedanklich und körperlich nachvollziehen. Dabei wird offenbar, dass die Hände des „Handspiels“ sich wechselseitig öffnen und schließen, wodurch in der Gesamtschau eine Symmetrie entsteht. Bei „Hokuspokus“ vollziehen die Hände in asymmetrische Bewegungen kleine, bekannte Zaubertricks.

Tino Bittner widmet den Gesten und Bewegungen einen ganzen Werkkomplex. Vor allem Hände treten immer wieder auf. Generell geht es in diesen zeichnerischen und skulpturalen Arbeiten um Handlungen, die für Bittner das Wesen des Menschlichen ausmachen: Gleichermaßen dienen Hände sowohl als Werkzeuge für physische Tätigkeiten als auch als abstrakte Zeichen und somit als sprachliche Kommunikationsmittel.

Als Gesten können sie ganz unmittelbar als ikonische Zeichen dienen, etwa im Schattenspiel zu Krokodil- oder Hasenfiguren verwandelt werden. Der Zeigefinger verweist, wie schon im Namen steckt, als indexikalisches Zeichen auf Menschen, Gegenstände oderHimmelsrichtungen. Komplex werden die Handgesten auf der Symbolebene: Gebärdensprache basiert auf kulturell vereinbarten Gesten. Ebenso sind Handgesten in der christlichen Ikonografie tief verankert und sollen als Pathosformel universelle Lesbarkeit garantieren. So symbolisiert die erhobene rechte Hand auf zahlreichen Gemälden Christi Rede oder die Beinahe-Berührung von Zeigefingern in Michelangelo Buonarrotis berühmten Fresko in der Sixtinischen Kapelle die Erschaffung Adams. Das alltäglich Vertraute transzendiert somit zum Universellen.

Fingerspiele können im Gegenteil zu diesem Universalismus auch geheime Beschwörungsformeln sein. Finger vollführen geschickte Tricks zum Zaubern, bei dem sie gleichzeitig zeigen und als Ablenkungsmanöver dienen. Abzählreime und Kinderspiele unterstützen oder ersetzen die gesprochene Sprache als spielerische Vorstufen oder parallele Zeichensysteme. Akrobatische Hand- und Fingerspiele gehören zu den Begrüßungsritualen von Gangmitgliedern, die für Außenstehende undurchschaubar sind und somit komplexe Geheimriten einer Alltagskultur.

Dieses unpathetische Tricksen ist den Händen in Tino Bittners Arbeiten zu eigen. Die Hand als alltäglich Naheliegendes und, im Wortsinn real Greifbares, kann sich zu etwas Abstrakten wandeln. Auf diese Weise wird auch das einfach Material, die Folie, Lackstift und Bilderrahmen, unter Bittners Händen zu einem medialen Wahrnehmungsapparat. Bittner entwirft die Hände aus Fotografien alsAusgangsmaterial und entwickelt die Bewegungsabläufe mithilfe digitaler Bildbearbeitung weiter, so dass sie zumindest zum Teil abstrakten Schemata entsprechen. Er mischt diese mit der Freiheit der Handzeichnung. Das Universelle und das Individuelle vermischt sich. Damit entsteht sowohl auf der formalen als auch auf der motivischen Ebene das Moment einer Transformation, das „Handspiel“ und „Hokuspokus“ innewohnt.

Der Schweriner Künstler ist Mitglied des Künstlerkollektivs Dezernat5, das mediale Grenzüberschreitungen austestet. Während die Künstlerkollegen Udo Dettmann und Thomas Sander zwischen Malerei, Plastik und Video changieren, arbeitet Bittner an einer Videokunst ohne Strom. Bittner nutzt bewusst kinematografische Elemente und Wahrnehmungseigenschaften elektronischer Medien. So wird die Blackbox des Kinoraumes durch die schwarzen Rahmen mit der Hohlkehle angedeutet. Sie formen die Bühne für eine persönliche, faszinierende Zaubershow, für die Performance des „Handspiels“ und „Hokuspokus“. Die fortschreitende Zeit, die zu fehlen scheint, entsteht schließlich nachträglich, im magischen Prozess der Betrachtung.

© Christina KatharinaMay
Ausstellung "Land in Sicht" - Die Kunstankäufe des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Schloss Bothmer, 2020

Nah und Fern / Start, 2019

Katalogtext

Dr. Wolfgang Vogt

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Tino Bittners Installation„Start“ wirkt auf den ersten Blick nüchtern und belanglos: auf dem Fußboden ein alter Startblock und zwei Streifen, die den Startplatz markieren, an der Wand ein winziges Polaroidfoto mit einer Start-/Landebahn in ländlicher Umgebung. Doch die Installation hat es in sich! Sie fasziniert durch ihre Widersprüchlichkeit und scheinbare Schlichtheit, hinter denen ein raffiniertes Konzept steckt. Dieses erschließt sich erst, wenn man über die vordergründigen Ungereimtheiten nachdenkt, mit denen der Künstler irritieren und eingeschliffene Sehgewohnheiten aufbrechen will.

Zunächst geben die „schiefen“ Größenverhältnisse von klotzigem Startblock und kleinem Foto ein Rätsel auf. Hinterfragt man den Sinn dieser Disproportionalität und versetzt sich in die physische, psychische und mentale Situation eines Startenden, so kann man eine Focussierung, eine geballte Konzentration auf das bevorstehende Ereignis „Start“ nachvollziehen. In dieser Situation ist man nur auf sich selbst bezogen und auf den Moment, in dem man aus der angespannten Bewegungslosigkeit, der gebannten Bewegung in die Bewegung loslässt. Alles andere – die Umgebung, das Ziel, der Weg dorthin –  ist ausgeblendet. Der Startende ist fixiert auf das, was ist, und weniger auf das, was kommt.

„Start“ bedeutet immer eine bevorstehende Bewegung, in mehrfacher Hinsicht, nicht nur als Mobilität im Sinne von starten und landen, laufen und Ziel erreichen. „Start“ impliziert immer Veränderung in der zeitlichen, räumlichen und/oder mental-psychischen Dimension. „Start“ ist eine Metapher von ebenso alltäglicher wie essentieller Bedeutung im Leben eines jeden Menschen. Gestartet wird immer wieder, sei es, dass man einen neuen Tag beginnt, den erstenSchultag, eine Reise, einen neuen Job, ein neues Leben etc. Mit jedem Starten wird eine Zäsur gesetzt zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht, dem Davor und dem Danach. Im Jetzt ist das Künftige enthalten, der Weg dahin und der Ausgang sind aber noch ungewiss. Insofern ist Starten ein ambivalenter Moment, der einerseits durchaus Ängste erzeugen und zu Bedenken wie Verzögerungen führen kann ,andererseits Kräfte freisetzt und neue Erlebnisse, Erfahrungen ermöglicht. Ist der Start erst mal erfolgt, geht es darum, den richtigen Weg, die Startbahn für den Übergang vom Alten zum Neuen, von der erlebten Wirklichkeit in die Möglichkeiten zukünftiger Herausforderungen zu finden.

Mit „Start“ ist Tino Bittner eine meisterliche Installation gelungen, die eine ebenso sensible wie komplexe Situation mit einfachsten Mitteln auf den Punkt bringt. Sie ist ein tiefgründiger Beitrag zu „nah und fern“ sowie zum Verhältnis von Wahrnehmung und Bewegung, dem zentralen Thema des Künstlerkollektivs Dezernat5. „Start“ eröffnet den Blick aus der nächsten Nähe in die fernste Ferne – deren Inhalte offenbleiben und die Frage aufwerfen: Wo und wie wird die Landung nach dem Start erfolgen? Eine Frage, die das Leben in bewegten Zeiten immer häufiger aufwirft.

© Wolfgang Vogt
Ausstellung „Nah Und Fern“ des Dezernat
5 zur 2. PAMPINALE im kulturforum PAMPIN, 2019

Habitat, 2018

Katalogtext

Susanne Burmester

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Als Objektkünstler spielt Tino Bittner gerne mit den Erwartungen der Betrachter. Oft sind die Dinge bei näherer Betrachtung nicht das, was sie scheinen. Sie sind stets von großer visueller Klarheit, werden jedoch immer komplex, wenn man genauer hinschaut. Der Künstler schafft Denkbilder, die sich mit Bildwitz und den Mitteln der Konsumkultur in die Köpfe der Betrachter schleichen und vermeintliche Standards infrage stellen. Bittner ist Mitglied der Künstlergruppe Dezernat5, zu der auch Thomas Sander und Udo Dettmann gehören.

Wiee ine Raumzeichnung umgibt das Gestell aus ungehobeltem Bauholz den leicht schräg stehendenBaum. Die Öffnungen dieses „Rohbaus“ und des Nistkastens, den Tino Bittner vorgefunden hat, blicken in verschiedene Richtungen, wie zwei Freunde, die sich nichts mehr zu sagen haben. Seine Installation haust das Vogelhäuschen ein und stellt zugleich seine vergrößerte Replik dar. Ein „Habitat“ ist Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Bittner bezieht sich in seiner Arbeit auf den Artikel 13 des Grundgesetzes, der das Menschenrecht auf Wohnung formuliert, das weltweit unzähligen Menschen verwehrt bleibt. Dieses Gehäuse ist nur eine leere Hülle und bietet nur ungeschützten Raum. Doch eben darin und im Verbund mit dem idyllisch anmutenden Nistkasten regt sie dazu an, über Heim und Heimat neu nachzudenken und auch eine historische Perspektive einzubeziehen. Auch die Eigentümer des Gutshauses mussten nach 1945 fliehen – ihre Wappentiere waren Vögel– und das Herrenhaus diente einst als Flüchtlingsunterkunft.

© Susanne Burmester
Ausstellung "Das Grüne Zitat - In Farbe" Schlosspark Kaarz, 2018

Beats-Breaks-Cuts - Objekte und Bilder, 2016

Eröffnungsrede

Timon Lucius Kuff

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Zurzeit grassiert ein ansteckendes Computerspiel namens PokémonGo, wobei die olle Kamelle der sonderbaren 90er Jahre-Fantasywesen aus Ihrem wohlverdienten Sarg geholt und mit der aktuellen Smartphone- Technologie zu einem vermeintlichen Hybrid aus virtueller und echter Welt verschmolzen wurde. Ein gutesGeschäft für die Erfinder dieses Vergnügens und ein Spaß für alle Egoshooter, die nun den Außenraum mit Ihren autistischen Spasmen bereichern. Neben Retroästhetik mit Stolpergefahr offenbart diese neuartige Spielwiese vor allem eines: Brot undSpiele sind allemal motivierender als all jene Versuche dieBrille mal andersherum aufzusetzen. Stumpf spielt gut. Und imPrinzip bestehen die Wirklichkeiten gut nebeneinander, die Ausfallerscheinungen bestärken sich lediglich auf groteske Weise wechselseitig.
Ein anderes Ding ist es, den Strukturen der digitalen Welt experimentell nachzuforschen oder umgekehrt unsere Analogwelt mit Nachschöpfungen des virtuellen Kosmos zu bevölkern, die eben nicht miteinander identisch sind. TinoBittner testet in seiner Kunst aus wieviel „Realraum“ wir uns noch zutrauen bzw. ob wir noch Zutrauen zum Realraum besitzen. Dieses Interesse bedingt die raffinierte Dialektik seiner ebenso klaren wie komplexen Artefakte. Sowohl in den kantig-leichten „Clouds“ aber auch in den festgezurrten, ausufernden Objektbildern („Brüderchen und Schwesterchen“;„Sterntaler“) dient eine Vergröberung der Elemente dazu, die Zeichenhaftigkeit des
Bildlichen zu hinterfragen. Dies greift tiefer als das klassische Augentäuscherbild, das Trompe-l´oeil, weil hier Oberflächen nicht malerisch imitiert werden, sondern taktile Qualitäten genutzt werden und die Fläche real in den Raum erweitert wird. Und die coole „Cloud“ ist eben doch ein ausgesprochen handfeste Gebilde, weder die luftig-physikalischen Erscheinungen am Himmel noch die gleichnamige Datensammelstelle können da mithalten.
Die Formen beugen sich der Vorstellung und dies bringt Tino Bittner auf den Punkt. Dabei täuscht die poppige Gewandung, das Design-artige, denn letztlich sind diese Raumelemente nicht sinn- und zweckgebunden, aber auch nicht Sinn frei. Ich sehe vielmehr in ihnen – gerade im Zusammenhang als Ensemble – Parallelen zu den historischenAllegorien, die über Ihre Vanitas-Symbolik hinaus vor allem als Denkbilder bezeichnet werden können.
RäumlicheErscheinungen die sich auf sanfte Weise ins Bewusstsein graben und eine hinterhältige Nachhaltigkeit entfalten …Verführerische Angebote zum kritischen Nachvollzug. Alphabetisierungen im Raum, welche dieVerschiebungen und Konsequenzen aufscheinen lassen, denen wir uns – freiwillig oder gezwungenermaßen –
unterwerfen: Nur nicht dem Trugschluss erliegen, man „begreife“ dabei wirklich etwas! Auch die Makropixel des „lateinischen Quadrates“ – eine vergleichbar dem Raumschach ins Dreidimensionale transformierte, allerdings unspielbare Sudoku-Variante – bleiben rätselhaft hermetisch und apollinisch – unerreichbar in ihrer schwebenden Transparenz. Beam me up, Bittner!
Diese lupenreine Ästhetik narrt uns alle mit Ihrem Anstrich vordergründiger Eingängigkeit. Dies wird manchmal unterstützt durch Werktitel, die aus dem deutschen Märchen- und Sagenschatz entnommen sind und nur auf neue Abwege führen: „Sterntaler“, „Brüderchen und Schwesterchen“ – zerstobene Menschenbilder, aufgelöste und wieder in Retorten eingefangene anonyme Porträts, Zeitbilder, die beängstigen weil sie – tatsächlich geschichtslos – einen Rattenschwanz an individuellen Projektionen oder Mutmaßungen loslassen. Auch diese Arbeiten besitzen allegorische Kraft. Ihre ureigene Haltlosigkeit gibt ihnen die Aura von Verletzlichkeit und Würde.
Und manchmal möchte man an die Hand genommen werden um nicht verloren zu gehen in diesem dunklen Wald, der eben gar nicht dunkel ist, sondern hip und hell. Zumindest sollten wir besser Brotkrumen in der Tasche haben um den Weg zurück nach Hause zu finden. Läßt man sichdarauf ein, und das räumliche Ensemble gewährleistet dies überlegt, so etabliert sich eine Unordnung gegenseitiger Verweisungen, Überlagerungen und Eingänge. Das irritiert, verwirrt und motiviert – zum
Entdecken und zum Komponieren! Das Angebot nötigt sanft zur Selbstorganisation und – so ganz nebenbei – zu einem Nachdenken über Form und Raum.
Der Maler Per Kirkeby bemerkt in seinem Text Museumsausstellungen: „In dem Bereich, mit etwas Stoff eine Ordnung zu bilden, die sowohl auf dem Stoff basiert, als auch auf Ideen, Vorstellungen, etwas zu erzählen zu haben, – in diesem Bereich lassen sich Bilder schaffen, die Möglichkeiten für Erleben in sich bergen,Bilder, die sowohl die Dinge als auch die Systematik beinhalten müssen. Beides, sonst funktioniert es nicht.“
Ich meine,Tino Bittner hat genau diesen wesentlichen Aspekt immer im Auge, wenn er eine Ausstellung plant und konzipiert. Sehr sorgsam arbeitet er mit ausgesuchten, zumeist poveren Materialien, oft mit Abfällen oder sonst wie ausgesonderter Materie und remixed das Zeug in seiner bemerkenswerten Dreckapotheke zu neuer Materie.
Und dann kann die Raumkapsel Galerieraum eine Keimzelle werden und zugleich eine Auflade- und Prüfstation sein für die neugierigen Geister unter uns. Denn wie in einer hypermodernen Wunderkammer wird eine Kostprobe individueller Interpretation von Welt präsentiert, jedoch nicht als eitler Wissensfundus, sondern als ambulante Sehschule auf der Höhe der Zeit. Ohne jetzt den pädagogischen Auftrag für die Kunst zu formulieren ist es doch kein Wunder, das gerade Künstler die zeitgenössischen Sehbehinderungen ihrer, unserer Zeit, genau aufs Korn nehmen und eigene Überlegungen und Findungen dem entgegensetzen. Allerdings liegen diese Angebote eben nicht wohlfeil auf dem Tresen, sie sind nicht käuflich; möglicherweise hängen sie in denWolken, sind in den Träumen und Meditationen zu erhaschen.
Ärgerlicherweise ist die Wolke hier im Raum vonZielscheiben kolonisiert. Treffer versenkt! Alle Plätze schonvergeben. Wenn darin allerdings nur ein sarkastischer Bildwitz zum Thema romantisierender Wolkenguckerei gesehen wird, entgeht einem das hübsche Outfit, welches durch die parasitierenden Targets entsteht. Nicht das einzige Werk, welches vordergründig als Musterbogen herhalten kann. Die Einschnitte in dasWahrzunehmende sind vorprogrammiert und verunsichern kalkuliert. Die herauspräparierten Objekte scheinen steril und isoliert ihr So-Sein zu fristen; im Zusammenspiel aber beginnen die Muster zu pulsieren und zu oszillieren.
Dann ist wieder an die Märchen zu denken, an einen Bilderstrom, der Schönes, Rätselhaftes und Beunruhigendes evoziert, Verwirrung und Ordnung zugleich stiften kann. Was also tun? Blicke und Vorstellungen kollidieren lassen um auf Neues zu stoßen, oder auf Uraltes zurückgeworfen zu werden? Vor allem gilt es
auf den Sound zu horchen der dabei entsteht und die Rhythmen mitzunehmen in die Welt da draußen, die immer auch der Märchenwald ist den wir darin erblicken.

© Dr. Timon Lucius Kuff
Ausstellung: Beats - Breaks - Cuts, Kunstverein zu Rostock, 2016

Die Kunst der Collage, 2010

Katalogtext

Ulrich Rudolph

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Tino Bittners frisch und ideenreich daherkommender Zugriff auf immer neue Gestaltungsmittel vollbringt auch in seiner neuen Serie Stadthimmel eine innovative Ausdrucksqualität, hier zum alten Thema der Stadtansichten. Samt und sonders sind diese kleinen Bildwerke imUrsprung die Flächen von in der Regel werbemäßig bedruckten Verpackungskartons, auf die der Künstler die geistigen und fotografischen Erinnerungen seiner Blicke gen Himmel aus denStraßenschluchten von ihm bereister Städte projiziert.
Entlang der silhouettenhaften Umrissformen der Gebäudeversammlungen werden in einem ersten Arbeitsgang im Verfahren der Decollage diejenigen Flächen ihrer bedruckten Farbigkeit und Gegenständlichkeit entkleidet, die als Himmel in Erscheinung treten sollen. Zum zweiten werden mit der gleichen Methode weitere Hautteile aufgeschnitten und abgerissen, um hinter den Fassaden, auch Fenster und Türen das farblos gewellte Gerippe des Kartons freizulegen. Die quasi übrigbleibenden Formen der Häuser leben mit der Fremdheit der ursprünglich verpackten Gegenstände und ihren Werbefarben und –beschriftungen auf surreale Weise weiter, ohne indes ihre topografische Identifizierbarkeit einzubüßen. Das dritte Gestaltungsmittel setzt Tino Bittner dann über die Methode der Collage ein, bestimmte Bereiche werden mit Formschnitten aus verschiedenen Klebebändern (stumpfen, glänzenden, deckenden oder transparenten) überklebt, um so einen weiteren Aspekt von Verfremdung) oder Akzentuierend ins Feld zu führen. Mit Bleistift oder Tinte wird als viertes und letztes Gestaltungsmittel die Zeichnung genutzt, um dieses sehr kreativ, leicht und heiter anmutende Spiel um eine ausgesprochen reizvolle Idee schwungvoll zu beenden.

© Ulrich Rudolph
Ausstellung "Die Kunst der Collage" Kunstraum Testorf, 2010

 

Rückzug, 2010

Begleittext

Antonia Napp

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Eine Intervention im Staatlichen Museum Schwerin

Die 2006 entstandene Arbeit Rückzug besteht eigentlich aus 7 Soldatenfiguren. Tino Bittner nahm dafür Bilder von Soldaten in internationalen militärischen Einsätzen aus dem Internet und veränderte sie so, dass sie nicht mehr als Individuen erkennbar sind. Dann wurden sie in beinahe Überlebensgröße auf dünne Holzplatten übertragen. Diese Stereotypisierung und Monumentalisierung tragen zum bedrohlichen Charakter der Figuren bei, die in ihren Bewegungen immer noch auf militärische Aktionen, auf Angriff oder Verteidigung zurückzuführen sind. Ihre Bewegungen hat Tino Bittner umgedeutet, indem er ihnen Gebrauchsgegenstände des täglichen (zivilen) Lebens hinzufügte. Bilder aus den Massenmedien treffen auf gefundene, industriell produzierte Alltagsgegenstände im besonderen Raum des Museums. „Ich arbeite bevorzugt mit vorgefundenen Situationen, Räumen und Materialien“ sagt derKünstler.

Bei Bittners Intervention treffen die Figuren auf Arbeiten Marcel Duchamps, des Künstlers, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Ready-made – den industriell gefertigten Gebrauchsgegenstand – in die Kunst einführte und damit den etablierten Kunstbegriff empfindlich attackierte. Der Anknüpfungspunkt zwischen Bittners Arbeit und Duchamp ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich, dennoch wird deutlich, wie der zeitgenössische Künstler das Konzept des Ready-mades weiterentwickelt, ausweitet und in die heutige Zeit transformiert. Subtil ist der Umgang mit den verschiedenen künstlerischen Gattungen, die Bittner miteinander verknüpft: so wird aus der Fotografie die überlebensgroße, mit Bewegungen in den Raum ausgreifende Skulptur, die aber so flach ist, dass sie – von einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet – zur schwarzen Linie im Raum zusammenschmilzt.

Dieses Changieren trifft auch auf die Wahrnehmung der Figuren zu, die auf Bilder von Soldaten zurückgeht, wie sie hundertfach im kollektiven Gedächtnis gespeichert sind. In unserer westeuropäischen Welt ist die Begegnung mit dem Krieg auf das kurze Überfliegen von Bildern in den Medien geschrumpft. Die Bedrohung, die von diesen Bildern ausgeht, nehmen wir kaum wahr. In den massenmedial vermittelten Einsätzen von Soldaten sehen wir hinter dem „Helfer“ nur selten den Soldaten. Diesen Automatismus macht Bittner offensichtlich.

Die 7 Figuren der Arbeit Rückzug sind zu einer wandernden Truppe mit Eigenleben geworden, die überall überraschend auftauchen kann (in unterschiedlicher Anzahl), in unterschiedlichenKontexten, um unsere geprägten Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsweisen zu irritieren und neue Sichtweisen zu eröffnen und unser reflexives Nachdenken anzuregen.

© Antonia Napp
Intervention: Rückzug, Staatliches Museum Schwerin
Foto: Staatliches Museum Schwerin

figurative sense - Kunst und Wissenschaft, 2009

Katalogtext

Sven Ochsenreither

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Tino Bittner nimmt für seine SUDOKU-Skizzen das in sich geschlossene mathematische Zahlensystem des Logikrätsels, das seinerseits auf dem Prinzip des „Magischen Quadrats“ basiert, zum Ausgangspunkt. Sich selbst immer wieder scheinbar sture Regeln auferlegend (z.B. durch das Verbinden von Zahlenfolgen oder Einfärben bestimmter Zahlenfelder), transformiert er das populäre Rätsel in abstrakte Bildzeichen, deren Strukturen – gewiss auch durch die Elimination der Ziffern – nicht mehr auf ihre eigentliche Herkunft verweisen. Neue Zeichen entstehen – einer inneren Ordnung folgend und sich dabei aber doch in unendliche Vielfalt variierend. Es sind Chiffren, die ein jeder für sich – ganz nach seinen eigenen Sehgewohnheiten, möglicherweise nach seinen persönlichen Interessen – neu zu entschlüsseln sucht. Es sind rudimentäre Zeichen, die an Bekanntes zu erinnern scheinen und uns von ihrer mathematisch logischen Grundstruktur als Bild nichts mehr preisgeben. Auf subtile Art und Weise stellen sie in Frage, was wir sehen.

Lateinisches Quadrat
In Form von 81 weißen Pappkartons und 8 Acrylglasplatten bringt Tino Bittner die Ordnung des Magischen Quadrats in eine dreidimensionale Form, die uns schlicht, schnörkellos und mit den trivialsten Mitteln ein vollkommenes System vor Augen führt.

© Sven Ochsenreither
Ausstellung: figurative sense - Kunst und Wissenschaft, Kunsthalle Rostock

Tino Bittner – Objekte und Malerei, 2008

Eröffnungsrede

Ulrich Kavka

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Auszug

…Nach dem landläufigen Verständnis ist Tino Bittner noch ein so genannter junger Künstler. Manche mögen solche Alterseinstufung auch mit Anfängertum gleichsetzen und verkennen oder vergessen, dass sich der künstlerische Stellenwert nicht konform mit der Lebenslinie des Älterwerdens entwickelt. Nein, ein Anfänger ist der Künstler schon längst nicht mehr, aber ein Suchender! Das vor allem hängt mit der Komplexität seines Arbeitsprogramms zusammen, das man imAllgemeinen als konzeptuell charakterisieren kann. Nach der historischen Herkunft ist der Konzeptualismus eine Anschauung der Scholastik, in deren Einfluss auch die mittelalterliche Frühzeit europäischer Universitäten liegt. Nach den philosophischen Vorstellungen existieren die Allgemeinbegriffe nicht unabhängig von den Einzeldingen, sind aber selbstständige Bewusstseinsgebilde. Eingefühlt in die Perspektiven, Seh- und Aufnahmeweisen von Tino Bittner, ist es gewiss nicht falsch, ihm eine seismografische Ortung von umfassendem urbanen Leben zu beglaubigen. Das Finden von sinnfälligen Bezugspunkten und das herausbilden von entsprechenden Formzusammenhängen, genre- und kunstübergreifend gespeist, charakterisiert sein künstlerisches Programm noch am ehesten.
Bittner ist ein Stadtgänger, ein genauer Beobachter, mit der Fähigkeit Gleichnisse zu erfinden, die seinen Themen gerecht werden müssen und nicht der artifiziellen Ausformung eines Personalstils. So sind auch seine Werktitel für ihnBedeutungsträger: RÜCKZUG – Soldaten in bezeichnender körperlich-gestischer Positur, als solche medial massenhaft bekannt, aber ohne Waffen, statt dessen vom Künstler bestückt mit wichtigen und weniger wichtigen Utensilien, allesamt mit ausschließlich friedfertigem Verwendungszweck.

Tino Bittner ist natürlich kein Bohemien. Das ein wenig herabwürdigende Signum hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Heute redet man von der Szene. Auch seiner Qualifikation, seiner Vielseitigkeit, seiner Neugier und seiner charaktervollen künstlerischen Begabung wegen ist der Künstler auch außerhalb seiner Generation eine auffällige progressive Erscheinung.

© Ulrich Kavka
Ausstellung: Forum für Junge Kunst, Hypo-Vereinsbank Rostock, 2008